VUCA-Expertin Melanie Vogel: Interview und Buchempfehlung

Unsere Rednerin, VUCA-Expertin und Autorin Melanie Vogel im Interview:

„Das Anlagevermögen der Zukunft ist der Mensch.“

Was bedeutet die Digitalisierung für die Arbeitswelt?

Die Digitalisierung wird die Frage menschlicher Wertschöpfung für alle Beteiligten völlig neu definieren. Jeder Transformationsprozess – und Industrie 4.0 ist ein solcher – hat das Potenzial, prinzipiell jeden Menschen und jedes Unternehmen zum Verlierer zu machen.

Ist Deutschland für die Digitalisierung gerüstet?

Volle Auftragsbücher dürfen nicht verschleiern, dass der heutige Auslastungsstatus in vielen Fällen nichts, aber auch gar nichts darüber aussagt, wie gefragt Produkte und Dienstleistungen in einigen Wochen, Monaten oder Jahren sein werden. Die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen wird in entscheidendem Maß davon abhängen, wie innovativ sie sind – und davon, ob sie innerhalb des Unternehmens die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Mitarbeitende innovativ sein können.

Worauf muss sich unsere Welt einstellen?

Unsere Welt ist VUCA geworden – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. Seit Trump wissen wir, dass VUCA Realität ist! Eine VUCA-Welt verlangt von uns Anpassung im Akkord. Diese Anpassungskompetenz stellt auch Führungskräfte vor völlig neue Herausforderungen: Ihre Aufgabe besteht zunehmend im Managen von Unsicherheiten.

Welchen Rat geben Sie?

Nur den einen: Der Status Quo ist eine gefährliche Komfortzone.

Was bedeutet das in der Konsequenz?

Wir müssen uns auf unseren Entwicklungsinstinkt zurück besinnen. Er war schon immer unsere größte Quelle der Inspiration. Allerdings haben wir an vielen Stellen vergessen, dass wir auch im 21. Jahrhundert immer noch Forscher und Pioniere sind. Wir können es uns heute nicht mehr leisten, Verwalter eines Status Quo zu sein, der an der Dynamik der Zeit zu bröckeln beginnt wie ein morsches Mauerwerk.

Was bedeutet das konkret für Unternehmen?

Es ist dringend notwendig, Leadership von den Fesseln industrieller Führungs-Traditionen zu befreien. Agile Unternehmen benötigen einen Zugewinn an Freiheit – keine Einschränkung. Flexible Arbeitsumgebungen brauchen einen offenen Führungsrahmen für Gestaltung, Veränderung und Pioniergeist – kein Korsett. Innovative und kreative Teams brauchen keine veralteten (Führungs-)Normen. Was ihnen schadet, ist aufgezwungene Unmündigkeit.

Heißt das, raus aus dem Mikromanagement?

Ja, denn überbordende Kontrolle, wenige Freiheiten und übertriebene Detailorientierung sorgen für Überlastung, mangelhafte Ressourcennutzung und sinkende Innovationskraft. Sich selbst und Unternehmen aus dem Mikromanagement zu befreien, gleicht einer Emanzipation. Der Emanzipation nämlich, Leadership-Modelle und Leadership-Methoden abzulegen, die ihre Zeit in der Vergangenheit hatten, in der heutigen VUCA-Welt jedoch ihre Wirksamkeit immer öfter verfehlen. Der Rückgriff auf Mikromanagement in Zeiten von mitunter radikalen Veränderungen führt heute nicht mehr zum Erfolg.

Dennoch agieren viele Unternehmen und auch Führungskräfte immer noch nach dem Motto „business as usual“. Warum?

In hochdynamischen Zeiten der Veränderung steigt die individuelle Unsicherheitskurve stark an, während in gleichem Maße das Bedürfnis nach sicheren Entscheidungsgrundlagen, nach Risiko-Minimierung und kontrollierbaren und verständlichen Arbeitskontexten zunimmt. Der Psychologie-Professor Arie Kruglanski bezeichnet dieses Phänomen als „need for closure“, als eine elementare Sehnsucht nach raschen Antworten. Weil Verwirrung und Irritation, wie sie die VUCA-Welt hervorruft, dauerhaft nur schwer auszuhalten sind, überwiegt bei sehr vielen Menschen der Rückgriff auf Traditionen, bekannte Verhaltensmuster und Lösungsansätze. Paradoxerweise gerade auch dann, wenn sie merken, dass diese alten Muster nicht mehr zum Erfolg führen.

Heißt das, uns fehlt die Kompetenz, mit Veränderungen kompetent umgehen zu können?

Ja, denn wir lernen das Fach „Veränderung“ weder an Schulen noch an Hochschulen. Ich habe das in meinem ersten Buch „Futability®“ sehr ausführlich beleuchtet und dargestellt. Wir haben es bis heute nicht geschafft, uns an die VUCA-Welt anzupassen. Nicht aufgrund mangelnder Intelligenz oder unterlassener Versuche, sondern durch ein konsequent fehlgesteuertes Lernen, mit Wandel und Veränderung umzugehen. Dieses momentane Unvermögen führt zu massiven Produktivitätsverlusten, die gleichzeitig aber – und das ist der große Hoffnungsschimmer der Zukunft – unglaubliche Chancen und ein schier unermessliches Potenzial für positive Veränderungen bieten.

Was also ist zu tun?

Wir müssen unsere Haltung verändern. Das Anlagevermögen der Zukunft sind nicht Maschinen, Roboter oder Software-Programme, sondern die Menschen, die sie bedienen, weiter entwickeln und kreativ verwerten. Lernen, verlernen und neu lernen ist entscheidend dafür, dass wir mit einer veränderten Welt besonnen und kompetent umgehen können. Unser Wissen ist die einzige Währung, die uns unbegrenzt zur Verfügung steht. Wer heute nicht in seine eigene Weiterbildung oder in die seiner Mitarbeitenden investiert, läuft Gefahr, den Wert seiner „Wissens-Aktie“ zu verspielen.

Wie wird man eigentlich VUCA-Expertin?

Das Thema Veränderung begleitet mich seit frühester Jugend. Sowohl mein Vater als auch mein Großvater waren Unternehmer. Auch ich wurde sehr jung Unternehmerin. Fehler sind da vorprogrammiert. Ich würde diese Fehler allerdings nicht als Fehler, im Sinne von falsch bezeichnen, sondern als Möglichkeiten. Die Möglichkeit, anders zu denken, einen Richtungswechsel vorzunehmen, sich selbst zu hinterfragen, stimmt das Umfeld noch, der Kontext, passt mein Ziel noch zur Wirklichkeit und so weiter. Als mir vor einigen Jahren der Begriff VUCA ins Auge fiel, war mir sehr schnell klar, diese Umschreibung beschreibt genau die Welt, auf die wir zusteuern. Es war die Zeit, etwa 2012/2013, als Industrie 4.0 erst bei sehr wenigen Menschen (ca. 2% aller Leader) angekommen war. Für mein Buch „Futability®“ habe ich fast 3,5 Jahre geforscht, recherchiert und nach praktikablen Lösungen gesucht, mit dieser VUCA-Welt umgehen zu können. Ich war froh, als es dann endlich im Februar 2016 erschienen ist.

 


 

Wir bedanken uns für das Interview und gratulieren Melanie Vogel zu ihrem brandaktuellen Buch „Raus aus dem Mikromanagement“, das ab 14. Februar 2017 erhältlich sein wird.

„Überbordende Kontrolle, wenige Freiheiten und übertriebene Detailorientierung sind deutliche Indikatoren für mikromanagendes Verhalten. Fehlendes Vertrauen, sinkende Loyalität, Verweigerung von Kooperation sowie Demotivation und steigende Krankenstände kennzeichnen das Arbeitsklima in einem so geführten Team oder Unternehmen. Doch auch die Führungskraft selbst tut sich keinen Gefallen, wenn sie nicht delegieren kann und ihre Mitarbeitenden in Unmündigkeit gefangen hält. Überlastung, mangelhafte Ressourcennutzung, sinkende Innovationskraft und Weitsicht sowie das Verlieren in operativen Aufgaben sind die Folgen. Die Kosten für Unternehmen sind immens. Wer in heutigen Zeiten agil und innovativ sein und die Mitarbeitenden verantwortungsvoll in Change-Prozesse einbinden möchte, muss „Raus aus dem Mikromanagement“.

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin und seit fast 20 Jahren erfolgreiche Unternehmerin, zeigt Möglichkeiten auf, die es sowohl mikromanagenden Führungskräften als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Mikromanagern leicht machen, ihren eigenen Weg raus aus der Mikromanagement-Falle zu finden.“

Quelle und Buch-Bestellung: www.mikro.management

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